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Wie die neue Heizkostenverordnung den Energieverbrauch ausbremst

Themen: Energiesparen, Unternehmen, Nachhaltigkeit

Im Dezember 2021 ist die novellierte Form der Heizkostenverordnung in Kraft getreten. Seit Januar 2022 hat das spürbare Auswirkungen für Mieter und Vermieter. Welche Änderungen weshalb vorgenommen wurden, erklärt Politikexpertin Simone Ertel, Head of Public Affairs der ista Gruppe, in einem Interview.

Die Neuerungen der Heizkostenverordnung in Kürze

Simone Ertel, welche wesentlichen Änderungen wurden in der novellierten Heizkostenverordnung vorgenommen?

Simone Ertel: Mit der novellierten Heizkostenverordnung werden die europäischen Vorgaben der Energieeffizienzrichtlinie aus 2018 umgesetzt, mit der dem Verbrauchsverhalten und der Digitalisierung im Gebäude ein neuer Schub verliehen werden soll. Das umfasst z. B, dass Zähler zukünftig aus der Ferne auslesbar sein müssen. Damit werden Ablesetermine mit Mietern entfallen. Um den Wettbewerb von Anbietern innerhalb des Gebäudes zu stärken, wurden mit der neuen Heizkostenverordnung auch die Vorgaben des Bundeskartellamts zur Interoperabilität umgesetzt. Ein Jahr nach Inkrafttreten der Verordnung müssen daher neu installierte Geräte mit Systemen anderer Anbieter interoperabel und an ein Smart-Meter-Gateway anbindbar sein. Mit den technischen Anpassungen auf fernablesbare Zähler können nun auch endlich die Vorgaben der EU für die Verbraucher umgesetzt werden. Seit Januar dieses Jahres erhalten Mieterinnen und Mieter mit fernablesbarer Ausstattung nun jeden Monat ihre Verbrauchsinformationen für Wärme und Wasser. Bis 2027 müssen dann alle Haushalte mit fernablesbarer Ausstattung nachgerüstet werden und eine monatliche Verbrauchsinformation erhalten. 
 

Sinn und Zweck der monatlichen Verbrauchsinformation

Wieso wurde die Pflicht zur monatlichen Verbrauchsinformation mit in die überarbeitete Verordnung aufgenommen? Was genau soll sie bezwecken? 

Simone Ertel: Wir wissen – auch aus zahlreichen Untersuchungen und Studien – welch großen Hebeleffekt das Messen erwirken kann. Durch grundlegendes Messen von Verbräuchen und eine entsprechende Verbrauchsinformation kann ca. 20 Prozent Energie eingespart werden. Regelmäßiges Messen erhöht die Energieeinsparung nochmals deutlich. Daher ist es sehr wichtig, dass Messen und individuelle Verbrauchsabrechnungen weiterhin Bestandteil des Wohnens sind und nicht einem Warmmietenmodell zum Opfer fallen. Denn ein Faktor ist ganz entscheidend, der leider bisher in den politischen Diskussionen viel zu kurz gekommen ist: das Nutzerverhalten! Jede und jeder kann und muss seinen Beitrag zum Klimaschutz leisten und zugleich auch Einfluss auf die eigenen Heizkosten nehmen. Ein Modellvorhaben der Dena, des BMU und des Deutschen Mieterbunds hat eindrücklich gezeigt, welche bisher ungenutzten Potentiale im Nutzverhalten liegen. Alleine durch eine monatliche Information über den Verbrauch können rund 10 Prozent an Energie und damit auch Kosten eingespart werden. Tendenz steigend!

Und genau das ist das Ziel der nun neu eingeführten monatlichen Verbrauchsinformation: Die Verbraucher sollen zu einem bewussten und sparsamen Umgang mit Wärmeenergie und Wasser angeregt werden, damit sie ihr Heizverhalten und ihren Wasserverbrauch anpassen und damit Energiekosten sowie CO2-Emissionen reduzieren können. Denn Klimaschutz hört nicht an der Fassade oder im Keller eines Gebäudes auf. Wenn wir zukünftig in CO2-neutralen Gebäuden leben wollen, dann muss ein Gebäude als gesamtheitliches System betrachtet werden. Und dabei spielt das Nutzerverhalten eine zentrale Rolle. Wenn wir die Klimaziele darüber hinaus auch bezahlbar erreichen wollen, dann muss der Gesetzgeber nochmal eine Schippe drauf legen und z. B. eine digitale Zustellung oder eine mindestens monatliche Verbrauchsinformation ermöglichen. In der heutigen Zeit muss es möglich sein, dass der Verbraucher jederzeit seinen Energieverbrauch anschauen und damit sein Verhalten umgehend anpassen kann. So wie es heutzutage bereits in sehr viel sensibleren Bereich gang und gäbe ist, z. B. beim Bankkonto. 
 

Kaum Energieeinsparung trotz teurer Modernisierung?

Das könnte am sogenannten Rebound-Effekt liegen. Lesen Sie mehr dazu in unserem Whitepaper "Rebound-Effekt - So beeinflusst das Nutzerverhalten den Energieverbrauch" (PDF)

Regulatorischer Rahmen zur Förderung von Sanierungen und Nutzerverhalten

Die EU verfolgt ehrgeizige Ziele bei der CO2-Reduktion. Diese machen sich auch im Gebäudesektor sichtbar durch die Forderung, die Sanierungsrate zu erhöhen und eine Sanierungspflicht für bestimmte Gebäude einzuführen. Wäre Ihrer Einschätzung nach das Vorhaben der EU sinnvoll und ausreichend um die Klimaziele zu erreichen? 

Simone Ertel: In der politischen Diskussion – sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene – werden Sanierungen und der Tausch des Heizkessels als Allheilmittel zur Erreichung der Klimaschutzziele gesehen. Allerdings wird verkannt, dass Sanierungen keinen 100 prozentigen Output haben. Sanierung an sich ist zwar ein wichtiges aber kein hinreichendes Mittel. Wir haben aktuell eine Sanierungsrate von 0,8 Prozent in Deutschland. Damit konnten innerhalb eines Zeitraums von 10 Jahren gerade einmal 2,6 Prozent an CO2-Emissionen (klimabereinigt) eingespart werden. Selbst bei einer Anhebung der Sanierungsrate auf zwei Prozent – und das ist in Zeiten von Material- und Handwerkermangel ein sehr ambitioniertes Ziel – werden wir alleine durch Sanierungen vermutlich maximal 15 Prozent Einsparungen bis 2029 erreichen. Benötigt werden aber 45 Prozent Einsparungen an CO2-Emissionen bis 2030. Zugleich sehen wir durch die Heizkostenabrechnung, dass in sanierten Gebäuden nicht die erwarteten Einsparungen eintreten, weil mindestens 50 Prozent dem sogenannten Rebound-Effekt zum Opfer fallen. Neue Untersuchungen zum Energieverbrauch der Haushalte zeigen sogar, dass in knapp der Hälfte der EU-Länder (plus Norwegen) der Rebound-Effekt bei über 50 Prozent und in sechs Ländern bei sogar über 100 Prozent liegt. Das bedeutet, dass sich der Gesamtenergieverbrauch der Haushalte erhöht statt zu sinken und damit die Bemühungen zur Steigerung der Effizienz teilweise nach hinten losgehen.

Der Grund hierfür ist recht einfach: Ist das Gebäude erst einmal saniert, tritt ein normaler psychologischer Effekt bei den Nutzern auf.

"Der Bewohner geht von erhöhter Effizienz aus und achtet nicht mehr auf seinen Energieverbrauch, sondern steigert diesen sogar."

Es lässt sich sehr gut mit dem Abnehmen vergleichen. Nach dem Sport oder einer Diät entsteht der Gedanke, ausreichend viele Kalorien reduziert zu haben und sich nun belohnen zu können, mit zum Beispiel einem kleinen Schokoriegel. Nach mehreren Wochen wird man dann frustriert feststellen, dass der ganze Sport ohne eine Anpassung des Essverhaltens alles nichts gebracht hat. Dies zeigt eindrucksvoll, welch elementaren Wert das Nutzerverhalten – auch in sanierten Gebäuden – hat! Deshalb muss die Politik dringend ihren Instrumentenkasten erweitern, um dem Nutzer zu helfen, sein Verbrauchsverhalten anzupassen und den Rebound-Effekt entgegenzuwirken. Dies kann u.a. durch einen vermehrten Einsatz digitaler Technologien geschehen. Die notwendigen Technologien sind vorhanden – jetzt muss nur noch der passende regulatorische Rahmen für ihren Einsatz geschaffen werden. 
 

Digitale Lösungen für Vermieter und Mieter unterstützen die Umsetzung der Heizkostenverordnung

Welche Maßnahmen hat ista getroffen, die Vermieter bei der Einhaltung der neuen Anforderungen unterstützen?

Simone Ertel: Wir haben gesellschaftlich zwei Megatrends, die gegensätzlicher nicht sein könnten und dadurch auch zu einem starken Wandel der Immobilienbranche führen: die Menschen wünschen sich mehr Wohnkomfort zu günstigeren Preisen. Um diese beiden Faktoren miteinander in den Einklang zu bringen, ist die Digitalisierung ein hilfreiches Mittel. ista hat hierfür das Messen  aus der Steinzeit mit Röhrchen in die Neuzeit geholt: verschiedene digitale Angebote – von Webanwendungen bis hin zu diversen Apps – werden zukünftig sowohl die Arbeit der Vermieter und Hausverwaltungen vereinfachen, als auch den Wohnkomfort und die Bezahlbarkeit des Wohnraums für Bewohner erhöhen. 
Auch hier möchte ich nochmal auf einen sportlichen Vergleich zurückkommen: Wer hätte vor 10 Jahren gedacht, dass man am Handgelenk mit einer Uhr seine Schritte zählt oder nachschaut, wieviel man heute für seine Gesundheit getan hat? Die meisten werden gesagt haben „wozu soll ich das brauchen?“ Heute trägt jeder, der ein wenig auf seine Gesundheit und sein Wohlbefinden achtet, einen Schrittzähler oder eine Smart Watch. Ich glaube, genau den gleichen Effekt werden wir auch im Gebäude sehen. In 5 bis 10 Jahren wird es zum Wohnstandard dazu gehören, seinen Verbrauch über die App auf dem Handy oder gar auf der Smart Watch jederzeit nachschauen zu können und sein Verhalten entsprechend anzupassen, um CO2 einzusparen und Kosten zu senken.

Bei ista ist das bereits heute Realität und heißt EcoTrend - eine App, die Vermieter im Rahmen der neuen Anforderungen unterstützt. Mit EcoTrend können Vermieter ihre Bewohner monatlich über ihren Verbrauch von Wärme und Warmwasser informieren, inklusive nützlicher Grafiken zum Wärme- und Warmwasserverbrauch, Kostentrends sowie CO2-Ausstoß. Verbraucher können sich so schnell und einfach über ihr eigenen Heiz- und Warmwassernutzverhalten informieren und damit selbst mindestens 10 Prozent an Energie und damit auch Kosten einsparen. Mit der Möglichkeit, zu jeder Zeit seinen Verbrauch abzurufen, dürfte die Einsparungsrate nochmals deutlich steigen. Denn nur wer seinen Verbrauch kennt, kann bewusst Energie sparen und damit den CO2-Ausstoß senken.
 

Zur Person: Simone Ertel

Simone Ertel studierte an der Humboldt-Universität und der Freien Universität Berlin Management und Marketing und legte dabei ihren Schwerpunkt auf das Internationale & Strategische Management. Nach ersten Tätigkeiten in der Landespolitik und bei Unternehmensberatungen arbeitete Simone Ertel als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Bundestag und verantwortete dort die Themen Energiewirtschaft, Mittelstand, Vergaberecht und Bauwirtschaft sowie die Mitgliedschaft im Beirat der Bundesnetzagentur. Anschließend leitete Frau Ertel die Repräsentanz des Übertragungsnetzbetreibers Amprion GmbH. Bei ista verantwortet sie seit September 2020 die europäische und nationale Politikarbeit.

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